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Weinregionen sind für mich die besten Reiseziele: herzliche Menschen, traumhafte Landschaften, und natürlich der Wein – eine der schönsten Nebensachen der Welt.
Australien stand dabei nie weit oben auf meiner Liste, kannte ich bisher nur die hochprozentigen Shiraz-Bomben und süffigen Chardonnays aus dem Discounter, für 3,99€. Selten habe ich mich so getäuscht. Australien – in diesem Fall Südaustralien — hat eine wahnsinnig beeindruckende, höchst innovative und unglaublich schmackhafte Weinszene. Ein hochprozentiger Erlebnisbericht.
Ich befinde mich in Adelaide, der Hauptstadt Südaustraliens, einer beschaulichen, trotzdem lebendigen Metropole und Zentrum des Wine Craze Down Unders. Abends geht es auf nach Downtown Adelaide, Zeit für erste Beobachtungen. Schnell fällt auf — die Dichte an gediegenen und stylischen Winebars ist enorm für eine Stadt dieser Größe. Meine Begleitung und ich ziehen durch ein paar der Läden, die Namen wie Mothervine oder Street ADL tragen. Der Praxistest fällt zu meiner größten Zufriedenheit aus: eine riesige, erstklassige Weinauswahl lokaler und internationaler Weine, begeisterter Service mit fundiertem Fachwissen, ungezwungene Atmosphäre, bunt gemischtes Publikum, dazu feinstes Barfood.
Einzig die Preise verursachen leichte Schwindelgefühle. Wein ist hoch besteuert in Australien und Servicepersonal anständig entlohnt. So zahlt man für ein Glas gerne 10 Dollar aufwärts und Flaschenpreise können astronomische Ausmaße annehmen. Das ist auch einer der Gründe warum man in deutschen Weinhandlungen kaum australischen Wein findet. Wir Germanen sind preissensibel und verwöhnt von guten und günstigen einheimischen und südeuropäischen Weinen. Hauptexport-Nationen sind daher die USA oder etwa UK — hier ist Wein ebenfalls ein teures Gut. Die Leute vor Ort zeigen jedoch Wertschätzung. Voller Genuss und Leidenschaft wird munter eine Flasche nach der anderen entkorkt. Sie sind im besten Sinne weinverrückt. Ein einziger Laden dieses Kalibers wäre mir in meiner Heimatstadt schon viel wert.
Adelaide wird gerne als die Weinhauptstadt Australiens bezeichnet. Rund um die Stadt befinden sich etwa 200 Weinkeller, South Australia zählt ganze 18 Weinregionen insgesamt. Uns zieht es am späten Vormittag nach Adelaide Hills, mit dem Auto nur eine halbe Stunde von der City entfernt und auch deswegen ein beliebtes Ziel für Tagestouristen. Jason Miller von Rich & Lingering Tours, einem privaten Wine and Food-Tourenanbieter, ist unser Fahrer und Guide.
Auf der Fahrt gibt uns Jason einen Grundkurs in Sachen Australischen Wein. Als Wein-Juror und Wein-Enthusiast ist er dafür bestens geeignet. Heute wollen wir vor allem die biodynamische Weinszene auschecken – denn hier tut sich enorm viel Down Under.
Biodynamischer Weinbau ist eine Sonderform des biologisch-organischen Weinbaus und geht ursprünglich auf die Lehren des österreichischen Esoterikers Rudolf Steiner zurück. Im Sinne des Kreislaufgedanken wird der Weinberg als Mikroorganismus gesehen, in den von außen so wenig wie möglich eingegriffen werden soll, damit ein vielfältiger Lebensraum entsteht. Auch im Keller wird der Wein größtenteils sich selbst überlassen. Im Gegensatz zum konventionellen Weinbau wird die Monokultur abgelehnt. So sprießen zwischen den Reben Wildkräuter, Bäume und Blumen. Pflanzenschutzmittel werden keine gespritzt, und der Boden lediglich mit Kompost und natürlichen Substanzen, wie dem Horn von Rindern, gedüngt.
Biodynamischer Weinbau ist überwiegend Handarbeit und insgesamt arbeitsintensiver als der konventionelle Anbau. Nicht fehlen darf das Tier im Weinberg. Hier in Australien sind das gerne Schafe oder Alpakas. Da sich die Biodynamik-Lehre auch mit kosmischen Kräften, wie Mondphasen beschäftigt, haftet ihr eine esoterische Note an, über die sich Kritiker gerne lustig machen. Eins ist jedoch unstrittig — die Qualität, die diese Schule hervorbringt, überzeugt. Auch wenn niemand genau nachvollziehen kann, wie die Biodynamik im Ganzen wirkt, lässt sich genau messen, dass das Bodenleben und die Artenvielfalt signifikant steigt und die Böden fruchtbarer werden. Auch geschmacklich spielen die Weine meist in der obersten Liga.
Unser erster Stopp ist Ngeringa Vineyards, benannt nach einem einheimischen Nadelbaum. Idyllisch liegt das 85 Hektar große Anwesen inmitten der Hills, der Ausblick ist majestätisch. Zwischen Weinberg und Scheune tummeln sich die treuen Haushunde und der anschmiegsame Hofkater. Hier nimmt uns Winzer und Chef des Familienbusiness, Erinn Klein, in Empfang. Erinn, Typ Naturbursche, ist Sohn deutscher Emigranten, die sich als Querdenker im biederen Deutschland der 60 Jahre erdrückt fühlten und sich in Australien eine neue Existenz aufbauten, ohne jedoch die Leine ins Schwabenland völlig zu kappen. So bauten sie auf dem riesigen Grundstück, das sie in Adelaide Hills erwarben, Pflanzen für das Stuttgarter Naturkosmetik-Unternehmen Dr. Hauschka an.
Erinn selbst wollte nicht in das Familienbusiness einsteigen, sondern widmete sich seiner Leidenschaft, dem Weinbau. Gelernt hat er sein Handwerk größtenteils in Europa, erst in der Industrie, dann an der Uni. Im Anschluss hat er das Gelernte auf anderen Bio-Weingütern dann ganz schnell wieder verlernt, erzählt er. Ngeringa Vineyards zählt zu den Pionieren der biodynamischen Weinszene in Australien. Erinn und seine Frau Janet bauen in diesem traumhaften Ambiente elegante Weine europäischen Stils an. So finden sich neben dem Syrah, den sie bewusst nicht Shiraz nennen, auch Tempranillo, Sangiovese oder auch Viognier. Ihre ganze Liebe gilt der Natur, die sie respektieren und erhalten wollen. Die Hauptarbeit liegt daher im Weinberg, im Keller greift Erinn so wenig wie nötig in den Entstehungsprozess des Weines ein und lässt jedem Wein die Chance seinen eigenen Charakter zu entwickeln. Dieser überzeugt mit Vitalität, Komplexität, Tiefe und vollem Geschmack.
Kleine Stärkung bei The Loca.vore in Stirling, einer häufig prämierten Wein- und Tapas Bar. Loca vore frei aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet so viel, wie der »Lokal-Esser.« Das Restaurant folgt einer strengen 100 Meilen Diät. Es kommen nur Produkte in den Topf und auf den Tisch, die in diesem Radius angebaut werden. Das Motto des Hauses lautet: If not local, family farmed; if not family farmed, organic; if not organic, fair trade. In gediegenem Ambiente lassen wir uns feinste regionale Spezialitäten, wie Käse und slowcooked Lamm schmecken, begleitet von charmantem Service und genialen Weinen.
Gesättigt und entspannt geht es auf zum nächsten Weingut, BK Wines. Wir sind mit dem Besitzer und Winemaker Brandon Keys verabredet. Es ist Winter auf der Südhalbkugel und so dämmert es bereits, als wir das Anwesen nach einer halbstündigen Fahrt am späten Nachmittag erreichen. Laute Rockmusik schallt uns aus der Scheune entgegen, in der wir Brandon dann finden. An den Wänden hängt eine beeindruckende Sammlung von Skateboards, Betontanks sind mit krakeligen Kinderzeichnungen übersät, die Weine heißen Skin’n Bones oder Cut, gerne mittels Spontangärung entstanden.
Schnell ist klar, hier ist ein kreativer Nonkonformist, ein cooler Typ am Werk. Nachdem er von Meistern in Neuseeland, Argentinien und Kalifornien gelernt hat, gründete Brandon 2007 gemeinsam mit seiner Frau Kerstin BK Wines. Das Weingut ist klein und liegt abgelegen, umgeben von Buschland. Hier wird nicht auf Masse produziert. Brandons Weine sind speziell, kreativ, frisch und ungewohnt, sie spiegeln die Charakteristik der jeweiligen Lagen wieder und sind handwerklich vom Feinsten gefertigt. Man sieht Brandon an, dass er in seiner Arbeit aufgeht und mit seiner kleinen Familie ein wahres Paradies geschaffen hat. Da kommt schon ein wenig Neid auf angesichts dieses augenscheinlich genialen Lifestyles.
Nächster Tag, andere Weinregion. Wir befinden uns auf der Fahrt nach Barossa Valley, das weltweit für seine spitzen Shiraz-Weine bekannt ist. Hier wollen wir uns durch die schönsten Open Cellars des Valleys trinken. Mehr als 600 Weinbauern gibt es in der Gegend und in 80 Open Cellars kann man direkt vor Ort Wein verkosten. Bei den meisten kann man ohne Anmeldung vorbei kommen und sich durch das Sortiment testen. Gerade an den Wochenenden brummt das Valley vor Weintouristen — Paare, Familien, Freunde, Touristen, Junggesellinnenabschiede, Weinkenner und Neugierige — die Open Cellars bieten die Möglichkeit unkompliziert und ungezwungen die Weine der Region zu entdecken.
Unser Guide für den Tag ist Ralf Hadzic, von Life is a Cabernet, frei nach Lisa Minelli, einem exklusiven Wine-Touren-Anbieter, von Ralf als »Retirement Project« gegründet. Wie viele Australier, die mir auf meiner Reise begegnen, ist Ralf pleasantly insane, wie man hier sagt. Der Sohn einer deutschen Katholikin und eines muslimischen Kroaten hat eine bewegte Lebensgeschichte und einen Werdegang, der alles andere als geradlinig zu bezeichnen ist. Geboren in Australien, arbeitet er im Showbusiness, unter anderem in Hollywood und Dallas. Zu einem Zeitpunkt, an dem andere über Rente nachdenken, erfand er sich noch einmal neu und startete sein Touren-Business, zuerst über einen Concierge-Service. Schnell hat sich rumgesprochen, dass Ralf Spitzenkontakte, exzellentes Fachwissen und ein äußerst unterhaltsames Wesen hat und so wurde aus einem kleinen Ein-Mann-Projekt ein erfolgreiches Business. Kunden sind auch Promis und Politiker. An Ruhestand ist erst einmal nicht zu denken.
Jetzt fährt uns Ralf auf ins Valley, das sich heute von seiner schönsten Seite zeigt. Es ist ein sonniger Wintertag mit freundlichen 20 Grad, die Stimmung ist bestens. Der Name Barossa Valley geht auf einen Buchstabierfehler früher deutscher Siedler zurückgeht. Eigentlich handelt es sich bei diesem Fleckchen Erde um das Baarosa Valley, die Deutschen vermuteten jedoch eine Verbindung zu Barbarossa und so setzte sich Barossa Valley durch. Die Gegend ist stark von den deutschen Siedlern geprägt. Überall lässt sich germanisches Erbe finden, sei es in Namen, Inschriften oder typisch deutschen Produkten, wie vor allem der beliebten Mettwurst.
Auch der erste Winzer, den wir besuchen hat deutsches Blut. So prangt gleich am Eingang zu Tscharke das berühmte Goethe-Zitat: »Das Leben ist viel zu kurz um schlechten Wein zu trinken.« Getreu diesem Motto wird bei Tscharke hervorragender Wein gekeltert, den wir in stimmungsvoller Kulisse degustieren. Das lichtdurchflutete, moderne Farmhaus mit großem Verkostungsraum passt ausgezeichnet zu den raffinierten Weinen.
Kleiner Zwischenstopp auf dem Barossa Farmers Market, der jeden Samstag Vormittag in einem historischen Schuppen in der Nähe von Angaston abgehalten wird, der beste Ort um sich einen Überblick über die Food Szene des Valleys zu machen und fleischgewordener Traum jedes Hipsters und Foodies.
Bauern, Kaffeeröster, Bäcker, und Co. bieten ihre Waren zum Verkauf an, die meisten von ihnen arbeiten ökologisch. Dazu lassen sich an den liebevoll gestalteten Ständen feinste Leckereien probieren, vom deftigen Burger, kalt gepresstem Apfelsaft, bis zum Cold Brew und hausgemachtem Karottenkuchen. Vor der Halle spielt eine Band, bestehend aus Pastoren, zum Tanz auf. Von Jung bis Alt ist hier alles auf den Beinen. Der Farmers Market ist ein wahres Highlight im Valley.
Der nächste Open Cellar ist ein echter Geheimtipp. Greenock Creek liegt versteckt, ein wenig abseits der Hauptrouten der Weintouristen. In den winzigen Probierkeller führt eine steile Treppe. Hier schenken zwei lebhafte und äußerst reizende Damen preisgekrönte und vollmundige Shiraz und Cabernets Sauvignons aus.
Wer so viel Wein verkostet, muss für eine ordentliche Grundlage sorgen. Unseren Lunch nehmen wir daher bei fermentAsian in Tanunda zu uns, eine der besten Adressen im Valley. Die Bezeichnung Lunch wird dem mehrstündigem und 8‑gängigem Tastingmenü nicht ganz gerecht. Die Besitzer, ein Vietnamesisch-Australisches Ehepaar, sie Spitzenköchin, er Sommelier, zaubern ein wahres Feuerwerk der Southeast-Asian-Fusion-Küche auf den Tisch, gepaart mit einem Service, der seinesgleichen sucht. Kein Wunder, dass das Restaurant immer bestens gebucht ist. Wohin mein Blick im bis auf den letzten Platz besetzten Restaurant auch fällt, blicke ich in ausnahmslos zufrieden grinsende Gesichter. Ein Fest für alle Sinne.
Nach zwei Tagen voller Genuss und Schlemmerei sind wir langsam ein wenig entkräftigt, selbstredend auf die bestmögliche Art und Weise. Einen letzten Stopp legen wir noch ein, bevor wir wieder zurück in die City düsen. Bei den Artisans of Barossa handelt es sich um ein Kollektiv von gleichgesinnten, jungen Winzern, die sich zusammengeschlossen haben und einen gemeinsamen Open Celler samt angegliederter Gastronomie betreiben. Hier lässt sich in gediegenem und modernem Ambiente auf einen Schlag die gesamte Bandbreite des Valleys verkosten. Simon, der charmante Mann hinterm Tresen, hat offensichtlich viel Spaß dabei die feinen Tropfen an den Mann und die Frau zu bringen.
Die Sonne verschwindet hinterm Valley, ich schmiege mich mit schweren Äuglein in die Ledersitze von Ralph´s Wagen und lasse mich zurück nach Adelaide chauffieren.
Hinter mir liegt eine Weinreise, die alle Sinne verwöhnt. Ich bin von der Weinszene in und um Adelaide schwer beeindruckt. Hier wird eine lebendige, junge Spitzen-Weinkultur gelebt. Das macht Spaß, nicht nur im Glas.
Vielen Dank an South Australia für die Einladung!
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